Das Kleinwalsertal war die letzte Station dieser Wanderung und ist heute ihr größter Erbe. Die Gemeinde Mittelberg zählt 5.046 Einwohner, mehr als jede andere der 16 Vorarlberger Walsergemeinden und gut ein Drittel aller 13.864 Menschen, die in ihnen leben.
Woher die Walser kamen
Die Walser stammen aus dem Goms, dem obersten Rhonetal im heutigen Schweizer Kanton Wallis. Vor gut 700 Jahren begannen alemannisch sprechende Bauern von dort in andere Hochtäler auszuwandern, zuerst in die Nachbarschaft, dann immer weiter weg. Warum, ist bis heute nicht geklärt. Die Vorarlberger Walservereinigung nennt Überbevölkerung, Versorgungsprobleme und vielleicht kriegerische Auseinandersetzungen als wahrscheinliche Gründe (Wer sind die Walser?). Geholfen hat das Klima: Es war wärmer als heute, viele hohe Pässe waren im Sommer schneefrei.
Rund hundert Jahre zogen die Auswanderer in alle Richtungen. Nach Norden ins Berner Oberland, nach Süden in die Täler um den Monte Rosa und ins Aostatal, nach Westen bis Savoyen, nach Osten nach Graubünden. Den Namen bekamen sie von den Einheimischen, die oft rätoromanisch sprachen: Aus „Walliser“ wurde „Walser“. Willkommen waren die Neuen dabei selten.
Nach Vorarlberg kamen sie nicht direkt aus dem Wallis. Sprachvergleiche sprechen dafür, dass sie von Davos aus weiterzogen, nach Triesenberg in Liechtenstein und in die Walserorte Vorarlbergs und Tirols. Triesenberg ist 1355 als Siedlung von Wallisern urkundlich belegt, und auch die drei Walserfamilien, die sich im Hochtal von Ebnit über Dornbirn niederließen, kamen von Graubünden aus.
Was die Landesherren ihnen versprachen
Für die Grundherren waren die Walliser Spezialisten. Sie machten Hochtäler urbar, die den Alteingesessenen zu rau waren, und sicherten damit die Handelswege über die Alpen, auf denen damals Räuber und Wegelagerer unterwegs waren. Um sie zu gewinnen, gab es Steuerfreiheit und Sonderrechte, die als Walserrecht bekannt sind. Die Internationale Vereinigung für Walsertum nennt drei Kernpunkte: die volle persönliche Freiheit, das Recht, eigene Gerichtsgemeinden zu bilden, und die freie Erbleihe (wir-walser.ch). Starb der Siedler, ging das Gut an seine Erben über. Sie zahlten denselben Zins weiter, und der durfte nicht erhöht werden.
Wie solche Verträge aussahen, zeigt Brand. Die Schenkungsurkunde vom 7. Dezember 1347 nennt die Familiennamen der ersten zwölf Kolonisten, darunter Alaman, Ganntenbainen, Salzgeber und Schwarzen, dazu die Grenzen des Guts und den Zins. Weil das „Thal Vallawier“ damals noch Urwald war, fiel der Zins niedrig aus. Lehensgeber waren die Bauern von Bürs selbst, Graf Hartmann von Werdenberg-Sargans besiegelte den Vertrag nur, was unter den Vorarlberger Walsersiedlungen einzigartig ist (Gemeindeporträt Brand).
Ewig hielten die Freiheiten nicht. In Ebnit, das 1351 als Erblehen an Walser gekommen war, beendete ein Streit um ins Tal nach Dornbirn abgewanderte Ebniter 1539 das Walserrecht: Die Bewohner wurden zu Leibeigenen des Grafen von Hohenems erklärt.
Die 16 Walsergemeinden Vorarlbergs
Die Vorarlberger Walservereinigung zählt 19 Walsergemeinden. Zwei liegen außerhalb des Landes, Galtür in Tirol und Triesenberg in Liechtenstein. Ebnit ist keine eigene Gemeinde, sondern ein Bergdorf im gebirgigen Süden der Stadt Dornbirn. Bleiben 16 Vorarlberger Gemeinden, und sie liegen in allen vier Bezirken: zehn im Bezirk Bludenz, vier im Bezirk Bregenz, zwei im Bezirk Feldkirch, dazu Ebnit im Bezirk Dornbirn.
| Gemeinde | Gegend | Bezirk | Einwohner 1.1.2026 | Frühester Walser-Beleg |
|---|---|---|---|---|
| Laterns | Laternsertal | Feldkirch | 690 | 29. Mai 1313, Erblehen für zwei Walliser Brüder |
| Damüls | Damüls | Bregenz | 333 | 1313 Lehen der Alpe Ugen, 1326 Erblehen |
| Lech | Tannberg | Bludenz | 1.553 | Besiedlung kurz vor 1300 |
| Warth | Tannberg | Bregenz | 198 | Besiedlung zwischen 1280 und 1300 |
| Schröcken | Tannberg | Bregenz | 216 | Besiedlung um 1300 |
| Dünserberg | Dünser- und Schnifiserberg | Feldkirch | 164 | Besiedlung um 1300 |
| Sonntag | Großes Walsertal | Bludenz | 615 | Rodung bald nach 1300 |
| Silbertal | Montafon | Bludenz | 845 | 1332, Weihe der ersten Kirche |
| Brand | Brandnertal | Bludenz | 736 | 7. Dezember 1347, Lehen an zwölf Familien |
| Bürserberg | Brandnertal | Bludenz | 605 | um 1347, „Walliser am Bürserberg“ 1513 |
| Mittelberg | Kleinwalsertal | Bregenz | 5.046 | 1353 als „zu den Wüstnern“ genannt |
| Fontanella | Großes Walsertal | Bludenz | 469 | 1363 als „Alb Funtanell“ |
| Blons | Großes Walsertal | Bludenz | 362 | 14. Jahrhundert |
| Raggal | Großes Walsertal | Bludenz | 908 | 14. Jahrhundert |
| St. Gerold | Großes Walsertal | Bludenz | 389 | 14. Jahrhundert |
| Thüringerberg | Großes Walsertal | Bludenz | 735 | 14. Jahrhundert |
| Ebnit (Stadt Dornbirn) | Dornbirner Bergland | Dornbirn | keine eigene Gemeinde | 1351, Erblehenvertrag |
Quelle: Einwohner nach Statistik Austria, Bevölkerung am 1.1.2026 nach Ortschaften; erste Belege nach den Gemeindeporträts der Vorarlberger Walservereinigung, für die vier Gemeinden ohne eigene Jahreszahl nach dem Biosphärenpark Großes Walsertal.
Zusammen leben in den 16 Gemeinden 13.864 Menschen, das sind gut drei Prozent der 412.307 Einwohner Vorarlbergs. Mehr als jeder Dritte davon wohnt im Kleinwalsertal. Wie sich die 96 Gemeinden des Landes auf die vier Bezirke verteilen, zeigt die Landesübersicht mit Bezirkskarte unter https://regionalinfo.at/vorarlberg/.
Großes Walsertal: sechs Gemeinden, ein Biosphärenpark
Blons, Fontanella, Raggal, St. Gerold, Sonntag und Thüringerberg bilden seit November 2000 den UNESCO-Biosphärenpark Großes Walsertal, 192 Quadratkilometer zwischen 580 und 2.704 Metern (Biosphärenpark Großes Walsertal). In den sechs Gemeinden leben 3.478 Menschen.
Besiedelt wurde das Tal im 14. Jahrhundert von oben nach unten. Die Walser kamen über das Laternsertal und den Furkapass nach Damüls und rodeten von dort aus die Südhänge des heutigen Fontanella. Unten am Taleingang, in Raggal und Thüringerberg, hatten zuvor rätoromanische Bauern gesiedelt, in Raggal verließen sie ihre Höfe gegen 1300 zum größten Teil.
Die steilen Hänge haben ihren Preis. Blons verzeichnet schwere Lawinen in den Jahren 1497, 1717, 1853 und 1954, an die Toten von 1954 erinnert eine Gedenkstätte in der Pfarrkirche. In Sonntag gingen 1526, 1689, 1731, 1806 und 1954 große Lawinen nieder. Heute kennt man das Tal auch über seinen Bergkäse: Den „Walserstolz“ stellt unter anderem die Sennerei Thüringerberg her, die größte des Tals.
Tannberg: Lech, Warth und Schröcken
Den Namen gab der Wald. Als die Walser kurz vor 1300 das Hochtal am jungen Lech rodeten, fanden sie dort viel Tannen- und Fichtenwald vor, daraus wurde „Tannberg am Lech“. Das Land erhielten sie von schwäbischen Grundherren gegen einen geringen Naturalzins.
Besonders wertvoll war das Recht, sich selbst zu verwalten und die niedere Gerichtsbarkeit auszuüben. Das Walsergericht Tannberg umfasste Lech, Warth, Hochkrumbach, Schröcken und das Kleinwalsertal, getagt wurde meist in Lech (Gemeindeporträt Warth). 1453 kam der Tannberg unter die Herrschaft der Habsburger.
Wie hart das Leben in dieser Höhe war, zeigt Bürstegg zwischen Lech und Warth. Der Weiler auf 1.715 Metern hatte im 19. Jahrhundert bis zu 13 Häuser und eine Kirche, Anfang des 20. Jahrhunderts zogen die letzten Bewohner fort. Heute wird er als Alpe bewirtschaftet. Ältestes Gebäude in Warth ist das Walserhus aus dem 15. Jahrhundert, ein Holzblockbau auf gemauertem Sockel. Aus der Abgeschiedenheit holten die Dörfer erst die Straßen: die Flexenstraße, zwischen 1895 und 1900 gebaut, nach Lech, die Hochtannbergstraße 1957 nach Warth.
Kleinwalsertal: das Ende der Wanderung
Ins Tal der Breitach kamen die Walser vom Tannberg herunter, um die Mitte des 14. Jahrhunderts. 1353 hieß es noch „zu den Wüstnern“. Zuerst entstand Mittelberg, dann talauswärts Hirschegg, zuletzt Riezlern. Am Ende des 14. Jahrhunderts war die Wanderung der Walser damit abgeschlossen.
Politisch hing das Tal bis ins 16. Jahrhundert am Tannberg, 1563 bekam es ein eigenes Gericht. Kirchlich hing es an Pfarren im Allgäu: Hirschegg und Mittelberg lösten sich 1391 von der Mutterpfarre Fischen, Riezlern 1508 von Oberstdorf. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war die Breitach sogar Bistumsgrenze, Mittelberg und Hirschegg gehörten zu Konstanz, Riezlern zu Augsburg.
Diese Ausrichtung nach Bayern hat sich gehalten. Seit dem Zollanschlussvertrag von 1891 ist das Tal wirtschaftlich an Deutschland angebunden, und mit dem Auto erreichen Sie es bis heute nur über Oberstdorf (Anfahrt ins Kleinwalsertal). Die drei Dörfer bilden eine einzige Gemeinde, die nach dem hintersten Ort Mittelberg heißt, deren Verwaltung aber im größeren Riezlern sitzt.
Sprache, Häuser, ein gemeinsamer Heiliger
Die Mundart der Walser ist nicht einheitlich, unterscheidet sich aber meist deutlich von der in den nicht-walserischen Nachbarorten. In Warth und Schröcken heißt sie „s’Walserdütsch“. Dass sie sich so lange gehalten hat, liegt an der Lage: Viele Siedlungen waren bis in die jüngere Zeit nur über Saumpfade zu erreichen und im Winter monatelang abgeschnitten.
Ein einheitliches Walserhaus gibt es nicht. In Vorarlberg und Graubünden stehen Wohnhaus und Stall aber getrennt, mindestens einen Steinwurf voneinander entfernt. Im talseitigen Teil des Hauses liegen Stube und Schlafkammer, dahinter die gemauerte Küche. Weil in der Höhe viel Heu für das Vieh gebraucht wird, liegen die Höfe oft weit verstreut über die Hänge (Siedlungs- und Bauweise der Walser).
Gemeinsam ist allen Walsern die Verehrung des heiligen Theodul, eines der ersten Bischöfe im Wallis. Er wird mit Glocke und Teufel dargestellt. Die Walser im Silbertal holten sich 1450, bei der ersten Renovierung ihrer Kirche, Reliquien des Heiligen aus Sitten im Wallis.
Zu Fuß durch alle Walserorte
Zum Jubiläum 2013 erschien bei Tyrolia der Wanderführer „Walserweg Vorarlberg“ von Stefan Heim. Er beschreibt 25 Etappen vom Brandnertal über Triesenberg nach Laterns und Damüls, ins Große und Kleine Walsertal und über den Tannberg und das Silbertal bis nach Galtür (Festakt 700 Jahre Walser in Vorarlberg). Die Etappen verbinden Orte, zwischen denen mit dem Auto oft große Umwege liegen: Vom Kleinwalsertal führt keine Straße direkt in das übrige Vorarlberg.
